Vielfalt auf Flugsand

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Wunderwelt Sand
SandAchse Franken
Lebensraum für Spezialisten
 
Lebendiger Sand an der Schwäbischen Rezat
Sandlebensräume an der Pegnitz
Lebensräume zwischen Sand und Wasser
Eiszeitliche Dünen zwischen Neumarkt und Sulzbürg
 
 
 

Nicht nur das Gebiet der „Sandachse Franken“ stellt einen schützenswerten Lebensraum dar. In fünf Jahren Arbeit haben Mitarbeiter des Landesbunds für Vogelschutz in den eiszeitlichen Dünen südlich von Neumarkt 270 Tierarten festgestellt, die in der Roten Liste vertreten sind, denn

 

Das Sulztal im Landkreis Neumarkt bietet Lebensraum für Spezialisten

Gebiete mit  Flug-, Terrassen- oder Decksanden sind in Bayern als seltene Landschaftselemente von besonderem naturschutzfachlichem Interesse. Allseits bekannt sind die Sandgebiete im Mittelfränkischen Becken, in denen zum Schutz der dortigen Lebensräume das Naturschutzgroßprojekt „Sandachse Franken“ gestartet wurde. Außerhalb davon sind bayernweit noch größere Sandgebiete entlang des Mains in Unterfranken, an der Donau bei Abensberg, am östlichen Riesrand und im Oberpfälzer Becken entlang von Naab und Regen anzutreffen. In Südbayern fehlen Lockersandgebiete bis auf kleinere Vorkommen völlig. Das Sulztal in der westlichen Oberpfalz stellt ein weiteres, weniger bekanntes Schwerpunktvorkommen für Sandlebensräume dar, über das im Folgenden berichtet werden soll.

Lichter Sandkiefernwald im NSG Neumarkter SanddünenDie Sandgebiete im Sulztal bei Neumarkt schließen sich fast lückenlos an diejenigen im Mittelfränkischen Becken südöstlich von Nürnberg an, haben aber aufgrund ihrer Lage im Vorland bzw. in der Fränkischen Alb ein sehr eigenes Gepräge. Aus biogeographischer Sicht stellt dieses Flugsandgebiet eine Besonderheit dar, weil es nicht wie die fränkischen zum Main, sondern zur Donau entwässert wird. Historische Aufzeichnungen über die Tierwelt der Sandgebiete im Sulztal fehlen weitgehend. Erst in den letzten Jahrzehnten wurde mehr und mehr die Bedeutung der dortigen Sandkiefernwälder und Magerrasen v. a. im Hinblick auf floristische Besonderheiten sichtbar.

Aufgrund massiver Beeinträchtigungen durch eine Vielzahl von Nutzungsinteressen gingen einige auffällige Arten besorgniserregend zurück oder verschwanden. Daraufhin beschloß die LBV-Kreisgruppe Neumarkt, eine umfassende faunistische Erfassung mit Berücksichtigung floristischer Besonderheiten durchzuführen. Aufbauend auf dieser Grundlagenerfassung der noch vorhandenen Lebensräume und ihrer Biozönosen sollten v. a. Gefährdungspotentiale, Schutz- und Pflegemöglichkeiten sowie Möglichkeiten des regionalen und überregionalen Biotopverbunds aufgezeigt und öffentlichkeitswirksam dargestellt werden. Das Projekt wurde von den langjährigen LBV-Mitgliedern Georg Knipfer und Joachim Hable durchgeführt und erstreckte sich über einen Zeitraum von ca. fünf Jahren. Die Hauptarbeiten fanden dabei im Jahr 2000 im Rahmen eines Glücksspiralenprojekts statt.

Das Projektgebiet erstreckt sich entsprechend der Verbreitung der Lockersande von Neumarkt im Norden bis Berching im Süden und hat eine Nord-Süd-Ausdehnung von ca. 20 Kilometern und eine Gesamtgröße von ca. 8 000 Hektar. Bei den Sanden im Sulztal handelt es sich um pleistozäne Flug- und Terrassensande. Die Flugsande wurden nach der letzten Eiszeit vom mittelfränkischen Becken aus groben Sandsteinen ausgeblasen und mit dem Wind Richtung Osten transportiert, bis sie am sog. Albtrauf im Sulzbecken abgelagert wurden. Die sehr gleichmäßig sortierten Flugsande erreichen im Neumarkter Becken eine maximale Mächtigkeit von über 30 Metern. Neben den Flugsanden sind im Sulztal auch noch Terrassensandablagerungen der Sulz selbst zu finden. Diese Sande sind wesentlich gröber sortiert und erreichen maximale Mächtigkeiten von ca. 10 Metern. Im Sulztal finden sich heute mit den Neumarkter Sanden, der Schlierfer Heide und dem Flugsandgebiet bei Pollanten drei größere Kerngebiete.
Der überwiegende Teil der bis heute erhalten geblieben Dünenstandorte wird von Sandkiefernwäldern eingenommen. In den z. T. sehr lichten Waldbeständen dominieren saure Weißmoos-Flechtenkiefernwälder mit Preiselbeere, Heidelbeere und Heidekraut im Unterwuchs. Diese botanisch recht artenarmen Sandkiefernwälder stellen für spezialisierte Tierarten heute letzte Rückzugsgebiete dar. Hieraus resultiert auch der hohe Prozentsatz gefährdeter Insektenarten. Am artenreichsten sind Bereiche mit einem Wechsel aus lichtem Kiefernwald und offenen Calluna-Heiden, da die meisten Arten ein hohes Maß an Wärme und Licht benötigen. Als Besonderheiten der Sandkiefernwälder im Sulztal kommen hier beispielsweise sehr viele stark bedrohte Nachtfalterarten vor. Viele dieser Arten sind ausgesprochene „Lockersandspezialisten“ und aufgrund ihrer Lebensweise direkt auf dieses Substrat oder an die hierauf spezialisierten Pflanzengesellschaften angewiesen. Vom Insektenreichtum der lichtdurchfluteten Kiefernwälder profitieren natürlich auch Vogelarten, wie der Gartenrotschwanz oder der Ziegenmelker, der im Gebiet wegen Sandabbau und menschlicher Störungen aber immer seltener wird und an den meisten Standorten bereits ganz verschwunden ist.
  Besenginster-Spanner  
Roter Scheckenfalter Sonnenröschen-Würfelfalter
Sonnenröschen-Würfelfalter
Neben den sehr sauren Weißmoos-Kiefernwäldern treten im Sulztal sehr vereinzelt auch basenreiche Wintergrün-Kiefernwälder mit einer reicheren Bodenvegetation auf. Charakteristische Pflanzenarten sind hier z. B. verschiedene Wintergrünarten, die Sandstrohblume und das Netzblatt. Die Bedeutung der Sandkiefernwälder wird im Gegensatz zu offenen Sandrasen heute auch in Naturschutzkreisen oftmals immer noch unterbewertet, da „populäre“ Artengruppen wie Heuschrecken und Tagfalter hier kaum vertreten sind. Für viele Nachtfalter, baumbesiedelnde Käferarten und viele andere Arten mehr sind sie aber unverzichtbare Lebensräume.

Extrem magere Callunaheide mit offenen SandflächenUnter den offenen Sandlebensräumen findet man im Sulztal heute noch verschiedene Ausprägungen. Am häufigsten tritt die Frühlingsspark-Silbergrasflur auf. Diese Pioniergesellschaft ist v. a. in Sandgrubenarealen verbreitet, da hier immer wieder offene Rohbodenstellen auftreten. Diese extrem nährstoffarmen und trockenen Standorte werden v. a. von zahlreichen Lockersandbewohnern wie Wildbienen, Sandlaufkäfern, Ameisenlöwen, Heuschrecken und spezialisierten Schmetterlingsarten bewohnt.

Extrem magere Callunaheide
mit offenen Sandflächen

Auch hier kommen ausgesprochene Raritäten vor, wie die blauflügelige Ödlandschrecke und die blauflügelige Sandschrecke. Unauffälligere Arten wie z. B. der Silbergraszünsler sind naturschutzfachlich aber nicht weniger bedeutsam.

Auf den sauren Offenlandstandorten siedeln sich nach längerer Zeit oftmals stark vom Heidekraut geprägte Stadien an. Diese sind in den Flugsandgebieten im Sulztal sehr wüchsig ausgeprägt, da durch die Lage am Albtrauf höhere Niederschlagsmengen auftreten als im angrenzenden Mittelfränkischen Becken. Dadurch wird das mehr atlantisch verbreitete Heidekraut gefördert. Diese Calluna-Heiden über offenen Sandböden sind für xerotherme Insektenarten von wichtiger Bedeutung. Hier kommen z. B. Silberfleckbläulinge und der Heide-Sandlaufkäfer vor. Das Heidekraut ist außerdem eine wichtige Nahrungspflanze für eine Vielzahl von Nachtfalterarten und einer der bedeutendsten Nektarspender in diesen sonst blütenarmen Bereichen. Neben den Calluna-Heiden sind in manchen Bereichen auch ausgeprägte Besenginster-Heiden mit Spezialisten wie dem stark bedrohten Spanner Isturgia roraria zu finden. Auch von diesen Arten werden Ginsterfluren über offenen, heißen Sandböden bevorzugt. In den größeren Heidegebieten der Sandgruben tritt die Heidelerche als Charaktervogel auf.
Sandmagerrasen im eigentlichen Sinn sind im Sulztal v. a. in Form von Sandgrasnelken-Schwingelrasen vertreten. Deren Entstehung verdanken diese Flächen einer extensiven Beweidung oder Wiesennutzung. Auf diesen kraut- und blütenreichen Magerrasen finden sich ebenfalls sehr viele bedrohte Tierarten, welche vorzugsweise in Sandgebieten aber auch in angrenzenden Jurakalkmagerrasen anzutreffen sind. Besonders auffallend ist hier z. B. der Artenreichtum an Heuschrecken und Tagfaltern. Unter den 39 Heuschreckenarten der untersuchten Sandlebensräume im Sulztal finden sich zahlreiche Seltenheiten, auch die 66 Tagfalterarten sind bemerkenswert. Im Gebiet finden sich neben dem Sandgrasnelken-Schwingelrasen auch kleinflächige Tiefland-Borstgrasrasen und basisch beeinflußte Sandmagerrasen. Letztere treten v. a. in Juranähe auf.
Neben den trockenen Lebensräumen wurden im Rahmen der Untersuchung auch Feuchtgebiete mit sandigem Untergrund untersucht. Im Sulztal sind hier v. a. die teilweise noch sehr intakten Übergänge von sauren Sandkiefernwäldern zu Kalkflachmooren zu erwähnen. Der Kalkreichtum der Feuchtwiesen ist bedingt durch den nahegelegenen Jura. Die sandigen Still- und Fließgewässer innerhalb von Sandgruben, an Bächen, Kanälen und Baggerseen sind Lebensraum einiger bedrohter Libellen- und Amphibienarten.
Steppengrashüpfer
Knoblauchkröte
Kreuzkröte
Kreuzkröte
Auf den 38 untersuchten Probeflächen im Sulztal konnten in den letzten Jahren insgesamt 983 Tierarten festgestellt werden. In die Erfassung mit aufgenommen wurden auch Daten anderer Gebietskenner, wie Wanzenfunde von Markus Bräu, Wildbienennachweise von Karl-Heinz Wickl und Nachtfalterdaten von Ralf Bolz. Unter den festgestellten Arten sind 270 Arten in der Roten Liste Bayerns vertreten. Hierunter befinden sich alleine 20 als vom Aussterben bedroht eingestufte Tierarten. Zahlreiche Arten davon sind obligatorisch auf Sandlebensräume angewiesen oder haben hier ihren Verbreitungsschwerpunkt. Alleine diese Zahlen belegen die landesweite Bedeutung der Sulztaler Sande.
Dieser Artenvielfalt stellt sich heute der unaufhaltsam fortschreitende Verlust von Sandlebensräumen durch Sandabbau, Siedlungstätigkeit, land- und forstwirtschaftliche Intensivnutzung und allgemeine Eutrophierungstendenzen entgegen. Das gesamte Sulztal gilt als wirtschaftliche „Boomregion“, so dass nur durch ein intensives Miteinander von verschiedensten Landnutzern für die Natur positive Ergebnisse zu erreichen sind. Es wird viel Aufklärungsarbeit gefragt sein, um Fehler der Vergangenheit, wie die Verfüllung von Sandgruben etc. in Zukunft zu verhindern.

Sollte es gelingen, das Verständnis für diese Lebensräume zu wecken, so wäre es aber sehr leicht möglich, neue Sandbiotope auf bisher intensiv genutzten Ackerflächen, in Sandgruben und Sandkiefernwäldern wiederherzustellen. Hierfür gibt es bereits zahlreiche positive Ansätze im Gebiet. So wird heute von verschiedensten Seiten am Schutz dieser Lebensräume gearbeitet, sei es durch spezielle Artenhilfsmaßnahmen, Neugestaltung von Sandbiotopen auf Sandäckern durch Oberbodenabtrag, Ausstellungen und Beweidung durch ortsansässige Schäfer. An dieser Optimierung beteiligt sind neben dem LBV vor allem der Landschaftspflegeverband und die zuständigen Naturschutzbehörden.

Vom Bund Naturschutz wurde zudem eine Sandwerkstatt eingerichtet, welche dem Ziel der Umweltbildung v. a. für Kinder und Jugendliche dient. Im Rahmen dieses Naturschutzprojekts soll auch die Zusammenarbeit mit der Sandachse Franken gefördert werden, da das Sulztal für Sandarten die bedeutendste Einwanderungsachse aus südöstlicher Richtung ins Mittelfränkische Becken darstellt.

Wir danken dem Landesbund für Vogelschutz in Bayern e.V., Eisvogelweg 1, 91161 Hilpoltstein, Tel. 0 91 74 / 47 75-0 für die Genehmigung zur Wiedergabe dieses Artikels, der in seiner Zeitschrift Vogelschutz, Ausgabe 1/2003, erschienen ist. Mehr über den LBV und seine Projekte finden Sie auf seiner Homepage www.lbv.de. Einen Wandervorschlag durch dieses Gebiet finden Sie bei unseren Wandervorschlägen >>